IV./2. Renaud Payre
Les géomètres de la sphère administrative :
socio-histoire d’un mouvement réformateur
internationalisé dans l’entre-deux-guerres
Revue française d’administration publique
Nummer 161, S. 133-146
Die Vermesser der Verwaltungssphäre: Sozialgeschichte einer
Reformbewegung mit internationaler Ausstrahlung in der Zeit zwischen
den beiden Weltkriegen
Die Frage der Verwaltungsführung taucht zwischen den Weltkriegen mit Macht auf.
Vor allem durch die Industrialisierung und größere Veränderungen der westlichen
Gesellschaften hat sich die Verwaltung tiefgreifend verändert. Ein „Verwaltungsstaat“
– Begriff der aus den USA stammt – hat sich in verschiedenen Ländern durchgesetzt.
Die Verfechter einer neo-institutionalistischen historischen Analyse nahmen sich die
Durchdringung von Teilen der gesellschaftlichen Aktivitäten des Staates und seiner
immer stärkeren bürokratischen Strukturen vor. Die Entwicklung der Verwaltung
begleitet die Ausbreitung des Staates und macht sie möglich. Die Anzeichen für diese
neue Form der Regierung sind seit der Mitte des 19. Jh. zahlreich. Die
Verwaltungsentwicklung vollzieht sich durch die Erschließung neuen Wissens, ja
durch eine neue Verwaltungswissenschaft. Das klassische Werk von Pierre Legendre
über die Verwaltungsgeschichte (1968) unterscheidet drei verschiedene Zeitalter,
wobei nach den Jahren 1800-1848 und 1848-1914 im dritten Zeitraum zwischen den
beiden Weltkriegen die Verwaltungswissenschaft nicht mehr nur rein juristisch zu
begreifen sei. Zugleich entwickelten sich neue Verbindungen, die einen Wandel hin zu
internationalen Lösungsansätzen für Verwaltungsprobleme bedeuteten. Diese
Bewegung kann zum wissenschaftlichen Objekt erhoben werden und so in einer
transnationalen Perspektive als Observatorium der Veränderungen des
Verwaltungsstaates in der ersten Hälfte des 20. Jh. um den Nordatlantik herum
dienen.
Seit dem Ende des 1. Weltkrieges entwickeln sich in verschiedenen westlichen - und
in geringerem Maße östlichen - Ländern und auf transnationaler Ebene
Verwaltungsreformprojekte. Die Reformbewegung auf dem Gebiet der industriellen
und der öffentlichen Verwaltung zielt darauf ab, die Frage der Fachkompetenz und
nicht nur die Verfahren in den Mittelpunkt der Verwaltungsaufgaben zu stellen. Die
Beschäftigung mit der Rationalisierung der Verwaltung, d.h. die Notwendigkeit der
Entwicklung einer Verwaltungswissenschaft, ist bereits 30 Jahre alt, als der 1.
Weltkrieg endet. In den 1920er Jahren setzen sich in den westlichen Demokratien die
grundlegenden Prinzipien einer nach den Vorstellungen von Max Weber (1864-1920)
geformten Bürokratie (hierarchische Gliederung der Dienstposten und der Aufgaben,
Auswahl und Rekrutierung nach dem Leistungsprinzip) durch. Zwischen dem letzten
Viertel des 19. Jh. und den 1930er Jahren vervielfältigt sich die Zahl der
Verwaltungsmitarbeiter in den westlichen Ländern. Die Frage der Regierungsführung




